Zum lesen, bzw. wahrnehmen, empfohlen für alle Jünger der "unabhängigen" Musik sei der ZEIT-Artikel über Independent-Rock.
Da wird zwar von Jan Kühnemund wenn auch nicht stringent dafür um so ausführlicher erklärt, wo unsere heutige [Independent-]Musik herkommt. Aber wo genau sie sich gerade befindet, bzw. wohin sie sich bewegt, bleibt uns der Autor schuldig.
Wir lesen, was wir längst wissen weil wir nichts anderes lesen wollen: lang lebe die Redundanz!
mit leichter verspätung, kommt sie doch noch, unsere kleine, (hoffentlich irgendwann mal) allwöchentlichekolumne. irgendwie scheint bei uns gerade der post-semester-/prä-semesterstress einzusetzen, sodass mal wieder zeit für gar nix bleibt.
letzte woche (haha) ging es hier ja um den schlussverkauf - den verkauf des kulturguts musik auf dem grabbeltisch. was könnte da die logischere konsequenz sein, als sich diese woche mit vielleicht dem pop-problem nummer eins zu beschäftigen? natürlich: dem ausverkauf oder auch dem sogenannten "sell-out".
"wer 'ne unbekannte band hört, muss sie hassen, wenn sie trend wird," singt die ziemlich unsägliche, den ärzten nacheifernde band montreal in ihrem song "so lang die fahne weht". gar nicht so blöd für dümmlichen deutsch-punk, steckt doch da im kern viel wahrheit drin.
dümpeln montreal jedoch nach wie vor vollkommen zurecht im deutschen untergrund vor sich hin, so kann es ja fast schon nicht mehr wahr sein, wer sich in den usa (von den deutschen ärzten mal ganz abgesehen) derzeit alles großflächlich "punk" auf die oben besagte fahne pinselt. doch jener komplex soll hier nicht zur debatte stehen, dreht es sich doch dabei um die ausgesprochen dubiose authentizität von für eine bestimmte zielgruppe (hysterisch kreischende siebzehnjährige mit kajalstift) zurechtgemachten retorten-bands wie z.b. simple plan, fall out boy oder story of the year mit einem starken major im rücken, deren grundbedingung selbstverständlich der sell-out ist.
nein, hier geht es vielmehr darum: deine lieblingsband, die du als erster entdeckt hast und die du dann krampfhaft in jeder ausgabe deines handgeschriebenen, handkopierten und handgetackerten fanzines gepusht hast, unterschreibt plötzlich den großen majordeal. jetzt rotieren sie auf mtviva und jump und verdienen (vielleicht) den dicken schotter. du sitzt zu hause und beißt dir in den hintern. "ach die," antwortest du, wenn dich jemand auf sie anspricht. "die kannte ich schon, als sie noch cool waren."
und jetzt? jetzt willst du deine lieblingsband einfach nicht mehr? jetzt sag ich mal was: ich kenne das. ich kenne eine band, die hat mich in den letzten paar jahren vielleicht noch mehr begleitet als oasis und tocotronic. diese band heißt tomte und deren sänger thees uhlmann habe ich im vergangenen jahr das gleiche, also den sell-out jetzt, vorgeworfen, wahrscheinlich mehr als irgendjemandem sonst zuvor. weil mir die band am herzen liegt. und darum möchte ich diesen uhlmann hier mal zitieren:
"[...] Herzblut wird immer klappen. Wenn eine Stimme sich ernsthaft erhebt, merken das die Menschen, die ich gerne 'die Menschen da draussen' nenne, denn sie sind nicht so doof, wie viele denken. Die Leute sind vielleicht nicht 'schlauer', als man denkt, aber sie haben mehr emotionale Intelligenz. Sie können immer noch after all spüren, welches ihre Band ist. [...]" (intro 07/02)
eine lieblingsband, die sucht man sich nicht aus. man wird von der band ausgesucht. vielleicht für ein leben lang. das wurde mir klar, als tomte im letzten juni in unserer stadt spielten. ich war umgeben von den menschen, die ich liebe und vor mir auf der bühne spielte meine band, die ich liebe. die ich immer noch liebe, auch wenn das letzte album ein bis zwei füller enthält. auch wenn der uhlmann bei trl rumgeturnt ist. und man konnte sehen, wie fertig er war, der uhlmann, nach der ganzen scheiße.
in diesem augenblick spielte das alles keine rolle. ich erinnere mich daran, wie ich ihn vor knapp vier jahren bei der berlinova - wir standen angetrunken beim 11 freunde-turnier, als kettcar gerade gegen irgendwen verloren - gefragt habe, warum tomte nicht mitspielten. "weil ich immer noch keine krankenversicherung hab'," hat er geantwortet. aber in diesem augenblick letztes jahr im sommer, konnte ich sehen, dass es ihm trotz alledem endlich besser geht, dem uhlmann da oben auf der bühne.
in diesem augenblick stand ein freund neben mir und hat geweint vor glück. für sie. für mich. für uns. und für die band. weil wir after all immer noch spüren, welches unsere band ist.
neulich stehe ich so bei (asche auf mein haupt) müller in der cd-abteilung und gehe die "aktion!"-regale durch. da findet man allerhand tolle sachen, die einem vielleicht noch fehlen in der sammlung. schaut man dabei aber auch mal auf den preis - in diesem falle: alles für sieben oi!s - muss man sich ernsthaft fragen, wer daran überhaupt noch verdienen kann. doch mit sicherheit nicht die künstler.
klar sind das auch ältere alben, die mittlerweile eh schon jeder hat (z.b. air - moon safari), teilweise aber musste ich staunen, was da alles verramscht wird - so u.a. auch einige wirklich gute alben des letzten jahres.
stellt sich für mich die frage: kaufen oder nicht? zwei (gar drei?) alben zum aktionspreis oder doch lieber ein vollpreisalbum? denn mit gutem gewissen kann man für so einen spottpreis doch keine musik kaufen. will man so etwas seinen lieblingsbands antun? vom grabbeltisch? wohl eher nicht. ist man dann auch noch - so wie ich - chronisch abgebrannt, ist das dilemma perfekt. kennst ja.
natürlich kenne ich mich kaum damit aus, wie vertraglich geregelt ist, wer beim verkauf einer cd wieviel woran verdient. ziemlich sicher bin ich mir aber dabei, dass in den allermeisten fällen die künstler am schlechtesten dastehen. und selbst wenn cd-verkäufe zu solchen aktionspreisen rechtmäßig ohnehin nicht mehr sache der jeweiligen band sind: es muss doch für eine band ziemlich ernüchternd, ja geradezu demütigend sein, zu erfahren, dass ihr ihr neues album beim schlussverkauf im drogeriemarkt erstanden und nicht am release-tag um sechs uhr morgens bei eurem plattenhändler gewartet habt.
ich für meinen teil werde in zukunft einfach nur noch alben von bands kaufen, die sowieso niemand kennt - nicht einmal ihr hippe indietypen, die ihr sowieso immer noch mehr ahnung habt, als alle anderen. die gibt's dann auch nicht zum aktionspreis - schließlich muss man seine band unterstützen.
waere "alpha dog" ein fiktionales werk, waere er wohl einer der schlimmsten filme, die ich je gesehen habe.
doch er ist es nicht, im gegenteil: durch die mitarbeit von irgendnem polizeifutzi namens zonen beruht dieser film tatsaechlich mal auf belegbaren tatsachen... was im falle von zonen allerdings dazu fuehrte, dass er selber probleme mit dem gesetz bekam, weil der interessenskonflikt zwischen der aufklaerung des falles um jesse hollywood [so hiess johnny truelove im wahren leben] und der mitarbeit in einem hollywoodfilm wohl dann doch zu gross wurde... gewaehrte zonen den drehbuchschreibern wohl einblick in alle seine dokumente, auch solche, die als vertraulich galten. der qualitaet des films tut das keinen abbruch.
waere die geschichte nicht so deprimierend und traurig, koennte sie fast als musterbeispiel fuer das "kunst imitiert das leben...und umgekehrt"-theorem gelten. so laeuft am anfang im riesenwohnzimmer des mehr als wohlhabenden drogendealers truelove auch ein sehr gewaltverherrlichendes rap-video, was wohl als blaupause fuer die denke der charaktere gewertet werden muss: frauen sind nur noch "bitches" [oder besser "trullas" - anm. d. red.], man dealt mit drogen und wenn einem einer quer kommt, wird er erledigt [gibt's baem - anm. d. red.].
was dabei so krass ist, ist die tatsache, dass von allen charakteren niemand tatsaechlich aus dem ghetto kommt. es handelt sich hier in ihrer gesamtheit um wohlhabende, weisse mittelschichtskinder, die einfach mal einen auf gangster machen wollen. dabei haben sie aber voellig den faden verloren, wann aus spiel ernst wird. selbst als ihnen dann mit gefaengnis gedroht wird, schaffen sie es nicht, sich der realen welt zu stellen und die sache irgendwie zu bereinigen, sondern fluechten sich wieder in eine art "scarface"-parallelwelt, in der verraeter, auch potentielle, nunmal erschossen werden muessen.
wie auch in filmen wie ken park wird ein teil der schuld den eltern in den schoss gelegt: diese stellen keine vorbilder mehr da, sondern verhalten sich fast eher wie gealterte, aber nicht erwachsene alter egos ihrer eigenen kinder. so werden verunsicherte, in einer klemme aus knallhartem wettbewerb und gleichzeitiger kompletter ueberfuetterung gefangene vorstadtkids gezeigt, die auf tragische art und weise versuchen, wieder irgendeinen sinn in ihr leben zurueckzuballern - the kids aren't alright.
auch auf die gefahr hin, dass ich jetzt als ignorant der asiatischen kultur und filmkunst beschimpft werde, aber ich war mir bis zum ende nicht ganz sicher, ob "the host" nun als ernstzunehmender film oder aber als komoedie verstanden werden wollte.
als ernstzunehmender film versagt er, jedenfalls fuer meine subjektive auffassung, komplett - mir war es schlichtweg egal, wer dort gerade aufgefressen, wieder ausgespuckt, mit gelbem nebel bombardiert oder aehnliches wurde. dennoch fuehlte ich mich von der geschichte der zentral agierenden Familie, die man wirklich als eine ansammlung von anti-helden ansehen kann, stellenweise gut unterhalten - ich habe herzhaft gelacht, weiss aber eben nicht, ob das gewollt war.
ueber die story, die teilweise abstruse wendungen nahm und zudem eine ganze liste von logikfehlern und fragen aufwarf, will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. das monster an sich fand ich ganz nett gemacht, wenn auch insbesondere am ende, als es denn brannte, die CGI nicht mehr ganz zeitgemaess wirkte.
alles in allem duerfte es "the host" auf dem europaeischen markt schwer haben... total verrueckte asiaten + total verruecktes monster = total verrueckter film.
das prinzip hinter filmen wie "smokin' aces" kommt filmgeschichtlich aus dem western, wie ich denke. es gibt einen schatz [hier: einen kronzeugen] und eine reihe von konkurrierenden parteien, die sich darauf vorbereiten, diesen schatz zu erobern und am ende zu einem grossen shoot-out aufeinandertreffen [in der neueren form konnte man solche massaker in den prae-madonna filmen von guy ritchie bewundern].
in den western von frueher waren dies meist indianer, gute cowboys und boese cowboys [bzw. grossgrundbesitzer]. hier ist es ein ganzer faecher von skurillen [okkulte nazi-schergen] und weniger skurillen [mafiosi] boesewichtern, agenten, polizisten, etc.
was dem film so'n bisschen den drive nimmt [welchem im trailer schon sehr eindrucks- und ausdrucksvoll tribut gezollt wurde], ist die tatsache, dass es hier keinen gewaltigen end-shoot-out gibt, wo alle parteien aufeinandertreffen. stattdessen treffen die einzelnen leute quasi paarweise ueberkreuz zusammen. das ist zwar actionreich, hat man aber schon spritziger gesehen. auch dass am ende eine sehr ueberkonstruierte aufloesung eingeschoben wurde, hat dem film nicht unbedingt gestanden.
da ich mich aber sonst sehr gut amuesiert habe [ich sage nur: urste motorsumse im corpus...!], bekommt dieser film ein "richtig geil". "the ace of spades...duedeldue...the ace of spades!"
"smokin' aces" regie: joe carnahan darsteller: ryan reynolds, ray liotta, ben affleck, andy garcia, alicia keys working title, 01.03.2007 - trailer
einen grossen beitrag zu meiner eher negativen einschaetzung liefert fuer mich der hauptdarsteller. ich bin der meinung, dass maaaaaatt damon fuer diese rolle nicht die optimale besetzung war.
sicherlich war es ihm vorgegeben, im gesamten film kaum emotionen zu zeigen, dennoch begann sein immer gleicher gesichtsausdruck [schliesslich hat er ja einen grossteil der screentime] mich spaetestens ab der haelfte des films zu langweilen. zudem ist es doch sehr verwunderlich, dass er trotz der laenge der dargestellten zeitspanne kaum altert - den fast fuenfzigjaehrigen vater eines erwachsenen sohnes nimmt man ihm dann jedenfalls schon gar nicht ab. gegen ihn wirkt sein gegenspieler oleg stefan um welten ueberzeugender. trotz damons emotionslosigkeit vermisste ich vor allem die haerte und entschlossenheit, die er ob seiner handlungen eigentlich ausstrahlen muesste.
auch der film an sich kommt nur sehr langsam in die gaenge. die erste stunde hat mich kaum gefesselt - danach wurde es dann spannender. jedoch bleiben ueberraschungen oder wirklich starke szenen weitestgehend aus. die besten szenen waren fuer mich die aufeinandertreffen von edward und ulysses - ansonsten plaetscherte der film stellenweise leider vor sich hin.
technisch ist das werk toll gemacht. mit sehr aufwendigen sets, guten kamerafuehrungen und einem einfuehlsamen soundtrack hinterlaesst der film ein relativ gutes bild. und auch die handlung, die der film transportieren will, ist eigentlich ausgesprochen faszinierend. aber ohne es begruenden zu koennen: richtig geil war der echt nich'.
"the good shepherd" regie: robert de niro darsteller: matt damon, angelina jolie, robert de niro universal, 15.02.2007
Die rätselhafte unter den Konversationsmaximen von Paul Grice ist die der Relevanz: Sei relevant! Mache deinen Beitrag zur Konversation relevant.
Bis heute unerklärlich bleibt, was es damit eigentlich auf sich hat. Seit Jahrzehnten zerbricht sich die Sprachfilosofie den Kopf darüber, was das nun genau bedeutet. Theorien wurden aufgestellt und wieder verworfen, dicke Wälzer die in staubigen BiIbliotheksregalen rumlungern und zu erklären versuchen. Relevanz - Was ist das?
Ist Relevanz nicht relativ? Mitnichten!
Der ArbeitseiferKieran Hebdens[aka Four Tet] bringt es mit sich, dass am 19. März ein neues Album von ihm und Steve Reid erscheint, zu dem die Welttournee schon letztes Jahr stattfand. "Tongues", das zweite [bzw. je nach Zählweise dritte] und scheinbar auch nicht letzte Album von Kieran Hebden und dem Jazz-Schlagzeuger Steve Reid ist bereits vor einem Jahr, im Februar 2006, in den ehrwürdigen Exchange-Studios im Osten Londons aufgenommen worden. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings der erste Teil des Debüt-Doppelalbums, "The Exchange Session Vol.1" noch nicht in den Läden.
Schon die "Exchange Session" war im Jahr zuvor aufgenommen worden, improvisiert von zwei Musikern, die sich erst einen Monat zuvor kennengelernt hatten. Entsprechend roh und unverdaulich klingt die "Exchange Session" auch: brachial-filigran und vor allem unstrukturiert. Perkussiv-rhythmisches Schlagzeug und melodiöse Störgeräusch-Elektronik und das wie gesagt improvisiert. Hui.
Direkt ins Auge springt bei diesem Duo die scheinbare Distanz, oberflächlich betrachtet: mehr als 30 Jahre Altersunterschied, klassischer Free-Jazz und elektronische Musik. Steve Reids musikalische Wurzeln liegen im schwarzen New Yorker Jazz der 60er Jahre. An dieser Stelle wird in den Rezensionen über das Duo Hebden/Reid üblicherweise die Namedroppingliste herausgeholt und auf die Stars von Jazz, FreeJazz, RnB usw. verwiesen, mit denen Steve Reid [allerorten heißt es „die Legende“oder „der legendäre Schlagzeuger“, als würde der Waschzettel vom Domino-Label wortgetreu abgeschrieben] tatsächlich zusammen gespielt hat.
Unerwähnt bleibt dann aber meist, dass z.B. John Coltrane eben nur zufällig sein Nachbar war und mehr Musiker-Vorbild als „Weggefährte“ und dass Reid selbst von den Studioaufnahmen zu Miles Davis „Tutu“ eher ernüchterndes zu berichten hat. Das eigene "Mustevic"-Label in den Siebzigern lief nicht so gut, zu avantgardistisch und experimentell zu Zeiten des mainstreamorientierten Fusion-Jazz, sodass Platten wie "Nova" und "Rhythmatism" heute von SoulJazzRecords wieder neu aufgelegt werden müßen.
Kieran Hebden könnte rein rechnerisch (fast) sein Enkel und oberflächlich betrachtet kaum verschiedener musikalisch sozialisiert sein. Im kleinen englischen Putney gründete er Mitte der Neunziger mit zwei Schulfreunden die Postrockformation "Fridge", deren Schaffen vier erstaunliche und abwechslungsreiche [aber außerhalb Englands erschreckend unbeachtet gebliebene] Alben und unzählige z.T. obskure Singels hervorgebracht hat.
Mit dem Beginn des Studiums legte sich Hebden, der bis dahin bei "Fridge" vornehmlich die Gitarre gestrichen hatte, ein Laptop zu, um nach dem 2. Semester mit "Dialogue" seine erste (und beste) Solo-platte unter dem Pseudonym "Four Tet" zu veröffentlichen. Bis zum heutigen Tag kamen drei (einhalb) weitere Alben und endlose Singels [z.b. "Thirtysixtwentyfive", das exakt 36 Minuten und 25 Sekunden lang ist...] dazu, aber vor allem circa 50 Remixe für Gestalten wie Steve Reich, "Radiohead", "Aphex Twin", David Holmes, The Notwist, Jamie Lidell und Bloc Party [bitte Namedropping selber weiterführen]. Darüberhinaus scheint Hebden als Produzent ein gutes Händchen für den letzten Schliff am fast fertigen Lied zu haben, zumindest ließen ihn Beth Orton, Thom Yorke, "Dempsey" [usw....] ihre Ideen albumreif machen.
Privat, wenn es sowas für ihn überhaupt gibt, ist Hebden ein leidenschaftlicher und unersättlicher Plattensammler, was man wiederum seinen Dj-Mixen anmerkt, z.B. den sehr schönen LateNightTales und den wohl abwechslungreichsten aller DJ-Kicks.
Hebden und Reid wollen zusammen vor allem eins sein: authentisch. Deshalb auch keine Overdubs und keine Edits: alles live eingespielt, ohne Nachbearbeitung. Es soll Live klingen, denn das ist es auch. Aber eigentlich nur die Improvisation selbst kann ihrer Überzeugung nach überhaupt noch für Authentizität bürgen. Vorher nicht wissen, was hinten rauskommt, aber trotzdem wild entschlossen. Oder gerade deswegen. Ofizielles Werbevideo zu "Brain"
"Tongues" bleibt allerdings im Vergleich zur "Exchange Session" im improvisativen Rahmen, auch im zeitlichen. 10 Stücke in 45 Minuten ist schon fast wie ein typisches PopRock-Album. Die ersten drei Lieder müßen es sich gefallen lassen, hier als Ohrwurmkandidaten bezeichnet zu werden, "Four-Tet"-iger sozusagen, danach wirds abstrakter. Die Melodien sind eingängig, die Beats straff und z.B. Harfen-Sampels in "Our Time" lassen das "Four Tet"-Erfolsgalbum "Rounds" noch einmal vor dem geistigen Ohr auferstehen.
Bei "People Be Happy" werden die Störgeräusche, das Fiepen und Schnarren, das Gluckern und Blubbern schon dominanter. Insgesamt weniger Glöckchen, mehr Gongs als beim Erstling. "The Squid" hat durch die verzerrten Synthetics etwas von düsterem HipHop, "Superheroes" kommt durch die Alarm-Geräusche ein bisschen wie frickeliger Electro daher. Einen schönen entspannten Ausklang bereitet "Left Handed, Left Minded" da es die Geschwindigkeit zurückfährt und auf spärische Hintergrundtöne baut. Einzig aus dem Rahmen fällt "Greensleaves", bei dem jeden Augenblick des Schlagzeug losdemmeln könnte, dies jedoch nicht tut. Nagut.
Aber machen wir uns nichts vor: "Tongues" funktioniert nur in dem Kontext, in dem es von Hebden und Reid konstruiert wird. Unsere Hörgewohnheiten sind, geben wir es ruhig zu, orientiert an Studioproduktionen, die Live nur mit viel technischen Rafinessen wieder reproduziert werden können, also Musik die es in Wirklichkeit so gar nicht gibt. Zu glattgelutscht und blankpoliert ist das meiste, was in den Regalen der Musikabteilungen großer Warenhäuser unsere Aufmerksamkeit erheischen möchte. Bei elektronischer Musik geht dies in der Regel heutzutage sogar soweit, dass nicht mal mehr reale Instrumente existieren, sondern nur noch abstrakte, hochartifizielle Klangklötzchen [Sinuswellen-Modulationen], die softwarevermittelt hin und hergeschoben werden.
Ad Absurdum geführt oder zumindest mit einem leicht ironischen Augenzwinkern versehen wird diese ganze Unternehmung schliesslich dadurch, dass es eine Single-Auskopplung und Remixe von zwei ausgemachten Elektro-Disco-"Superhelden", James Holden und "Audion", dazu gibt. Der erstere, eine Variation des Openers "The Sun Never Sets", kommt sehr defragmentierend daher - eine anhaltende Modulation des Themas -, beim zweiten ist das Original "People Be Happy" annähernd unerkennbar zu einem straighten Extended-Mix-Dancefloor-Schubser mutiert. Und da darf man sich dann schon mal fragen, wie das zusammenpassen soll, der Kopf und der Fuß. Aber es passt, denn Hebden und Reid kommen mit "Tongues" insgesamt dem Live-Publikum schon sehr entgegen. Live @ Roskilde Juli 2006
Beim bisher einzigen hierzulande-Auftritt der beiden, im Karlstorbahnhof in Heidelberg, Oktober letzten Jahres, mußten die Veranstalter auf Wunsch der Musiker noch kurz vor Beginn die Bestuhlung des Saales entfernen. Statt ergrautem Jazzpublikum mit Rotweingläsern standen da eher Turnschuhträger mit Bionade in der Hand. Schon nach einer Viertelstunde war Steve Reid durchgeschwitz, so hatte er auf das Schlagzeug eingeprügelt. Entsprechend aufgeheizt war da auch schon die Atmosphäre im Raum.
Nach einer weiteren Viertelstunde war Reid nur noch Wasser und angesichts des leicht vorgerückten Alters dieser "Legende" hätte man sich unter anderen Umständen echte Sorgen um den alten Herren machen müßen. Doch dessen denkenswürdiges und ansteckendes Dauergrinsen und -lachen belehrte eines besseren. So kontinuierlich und langanhaltend habe ich noch nie in meinem Leben jemanden so ansteckend Grinsen gesehen [außer vielleicht beim Zivildienst in der Psychiatrie, aber das war sicher etwas anderes]. Und das zu dem Krach, den Kieran Hebden dazu veranstaltete: permanentes Fietschen, Zirpen, Quietschen, Dröhnen, Brummen, Bollern, Knarzen. Aber das alles halbwegs rhythmisch und im Takt: pretty heavy, violently ass-kicking dance music, oh shit! Live @ Karlstorbahnhof Heidelberg Oktober 2006
Komisch nur, dass niemand der Anwesenden so etwas erwartet haben konnte, schliesslich kommt die Platte mit der Musik zu dem Konzert erst demnächst, am 19.März, heraus. Die Vermarktungsinteressen von Domino-Records stehen dem Output von Kieran Hebden also irgendwie etwas im Weg. Ob deswegen auch, das seit Jahren angekündigte und auch längst fertige fünfte Album von "Fridge" deswegen erst im Juni herauskommt bleibt hier erstmal unklar. Der Webseite von Steve Reid ist übrigens zu entnehmen, dass das Duo Ende Januar mit dem Organisten Boris Netsetaev [zu hören auf dem Album "Spirit Walk" des Steve Reid Ensembles von 2005, auch dort mit dabei: Kieran Hebden an den Electronics] als "Steve Reid African Ensemble" im Senegal war, um dort mit einheimischen Musikern ins Studio zu gehen. Wann wohl dieses Album veröffentlicht wird?
Wie auch immer. Sicher ist lediglich, dass Relevanz nicht durch Konsens hergestellt wird, sondern im Kommunikationsbeitrag selbst enthalten ist oder eben nicht. Relevanz ist der Unterschied zwischen "Blabla" und "So ist es, und nicht anders!" Sie läßt sich nur mühsam simulieren und selbst das fliegt über kurz oder lang immer auf...
damit man als hipper rocktyp ständig über style und geschmack lobhudeln, daherdozieren und rumdissen kann, bedarf es natürlich auch einer gewissen form von legitimation, is' ja klar. man braucht also eine geile frisur. "i'm just a boy with a new haircut and that's a pretty nice haircut..." jaja, schön wär's. als ob das alles so einfach wäre.
kannst ja schlecht zum friseur gehen und sagen: "mach mir mal den stephen malkmus!" (hat der überhaupt 'ne gute frisur gerade?) oder: "den indie-scheitel!" checken die ja nicht. und ich weiß nicht, ob es an meiner sonstigen artikulationsweise liegt oder ob friseure/-innen die problematik generell nicht verstehen. so wird das jedenfalls nix. und das trauma vom friseurbesuch in und vor allem auf meinem kopf wächst mit konstanter bosheit.
beim letzten mal war ich bei einem unheimlich coolen laden in jena: durchgestyled bis zum abwinken, mit nummer aus'm automaten ziehen und so - hip wie auffer kfz-zulassungsstelle. ich so: "wenn einer geile frisuren schneidet, dann die hier."
der laden war vollkommen leer und als ich augenscheinlich dran war, drückte die eine trulla auf einen knopf, sodass mit einem lauten "ding"-geräusch die nächste nummer aufleuchtete. war natürlich nicht meine. als ich dann nicht sofort antanzte, musste ich mich noch anmachen lassen, warum ich denn nicht käme. aber wenn's doch nicht meine nummer ist... für nur zehn euro waren die haare selbstverständlich am ende viel zu kurz, sodass ich dann ein paar wochen so leicht hj-mäßig durch die gegend laufen durfte - kennst ja.
mittlerweile arbeite ich persönlich ja meist mit bildern. dann muss man wenigstens nicht so viel erklären, was am ende sowieso keiner versteht. so hab' ich's z.b. schon fertiggebracht so richtig fanboy-mäßig mit der intro-ausgabe 123 (12/04-01/05) mit conor oberst vorne drauf zum friseur zu gehen. aber auch das klappt leider in den seltensten fällen.
jetzt fahre ich immer vierhundert kilometer nach bremen zum friseur. da verstehen die was vom haare schneiden, fischköppe hin oder her. grüße gehen raus an die junge dame von gestern.